3. April, Karsamstag

In der Abfolge der Kar- und Ostertage liegt uns der Karsamstag oftmals quer, dieser Tag, dessen Gehalt wir im Apostolischen Glaubensbekenntnis umschreiben mit den Worten: „hinabgestiegen in das Reich des Todes.“

In unserem Impuls zum Monat April lesen Sie, wo das „Reich des Todes“ auch mitten im Leben vorkommen kann und auf welche Weise die Mitarbeiter der Malteser Psycho-sozialen Notfallversorgung ihren Ruf in die Nachfolge Jesu verstehen.

Regelmäßigen Anlass für alljährliche Diskussionen in manchen Pfarrgemeinden bietet die Frage der angemessenen Uhrzeit für den Beginn der Osternachtfeier. Dahinter stehen nicht nur unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensrhythmen der Gläubigen. Insgesamt fällt es uns Menschen schwer, den Karsamstag auszuhalten. Zwischen den je auf ihre Art beeindruckenden und bewegenden Liturgien des Karfreitags und der Osternacht liegt dieser Tag, an dem scheinbar nichts geschieht. Und wir können kaum abwarten, bis endlich mit Orgel und Glocken das Gloria die Stille zerreist, die diesen Tag prägt. Gerade deshalb lohnt der Karsamstag einer eigenen Betrachtung.

Das Apostolische Glaubensbekenntnis findet in der deutschen Übersetzung eine drastische Formulierung für diesen Tag. Zwischen dem „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“ des Karfreitags und dem „am dritten Tage auferstanden von den Toten“ für den Ostertag beten wir: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“.
Im Unterschied zu „gekreuzigt“ und „begraben“ finden wir hier keine Formulierung im Modus des Passivs, sondern einen ganz aktiven Vorgang. Soll das bloß eine umschreibende Wiederholung der vorherigen Zeile sein oder haben diese Worte ihren eigenen Gehalt?

Was taten eigentlich die Jünger Jesu an diesem Tag? Wo waren die Frauen, die tags zuvor beim Kreuz gestanden hatten? Wie haben sie diesen Tag ausgehalten? Der Evangelist Lukas verweist auf die Sabbatruhe an jenem Tag, ansonsten schweigen die Evangelien dazu. Kann man sich ausmalen, wie es ihnen ging? Traumatisiert von der grässlichen Folter, deren Augenzeugen sie geworden waren, verzweifelt und all ihrer Hoffnungen beraubt. Auch sie, die Freundinnen und Freunde Jesu, finden sich am diesem Tage in einem Reich des Todes wieder.

Genauso, wie zu allen Zeiten Menschen lebendig und von einem Augenblick zum Nächsten ins Reich des Todes geschleudert werden. Reich des Todes – vom Wortsinn her also ein Ort, an dem der Tod die Staatsmacht ausübt. So geht es Menschen, die zum Beispiel Zeugen eines Amoklaufes wurden, die nur knapp einer Naturkatastrophe entronnen sind, die durch einen Unfall einen Angehörigen verlieren. Plötzlich ist da keine Perspektive mehr, der Tod scheint allumfassend und allmächtig zu sein. Wenn sich Malteser in der Psychosozialen Notfallversorgung engagieren, begeben sie sich zu diesen Menschen. Sie tun nichts anderes als das, was Jesus sagt: „Wer mir dienen will, der folge mir nach.“ Und wer Christus folgt, in radikaler Konsequenz, der steigt auch mit ihm zusammen hinab ins Reich des Todes. Der begibt sich auf Jesu Spuren mitten hinein ins Dunkel, in die Momente der Ausweglosigkeit. Wo jeder Osterjubel völlig fehl am Platze wäre. Nicht allein sein, im Reich des Todes, das ist für die Betroffenen jetzt wichtig. Jemand, der einfach bloß zuhört. Jemand, der es mit ihnen aushält.
Wer diesen Dienst versieht, wer hinabsteigt in dieses Dunkel, muss ein wahrhaft österlicher Mensch sein. Denn was dieses Hinabsteigen ermöglicht, ist der Glaube, dass Jesus bereits vor uns diesen Abstieg gewagt hat, dass er uns dort erwartet, mitten im Dunkel, und dass es eine Auferstehung gibt, ins Licht. Für die betroffenen Menschen ist es eine Auferstehung mitten im Leben, wenn sie Hoffnung wieder finden und neue Kraft schöpfen können. Ohne aber zunächst einen Weg zu finden, das Dunkel auszuhalten, ist solch eine Auferstehung nicht möglich. Diesem Gefühl können wir am Karsamstag nachspüren und uns fragen, wo um uns herum kleine und große Reiche des Todes sind, Orte der Einsamkeit, Armut, Ungerechtigkeit, Orte, an die Jesus uns vorausgegangen ist und wo er uns mit unserer Solidarität erwartet.

Wir können solche Abstiege wagen und die kleinen Auferstehungen im Leben feiern, weil wir nicht aus bloßem Mitgefühl und Humanismus handeln. Sondern weil wir darauf vertrauen, dass am Ende unseres Weges die endgültige Auferstehung auf uns wartet, von der her gesehen alles seinen Sinn erhält. Umso lauter singen wir unser Gloria.

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