Säen - Impuls Oktober 2010
Säen - Impuls Oktober 2010

3. Oktober, Erntedankfest

Das Erntedankfest kann uns wieder ins Bewusstsein bringen, dass wir die Grundlagen unserer Existenz nicht allein der Arbeit von Menschenhänden und auch nicht bloß dem technischen Fortschritt in Landwirtschaft und Agrarindustrie zu verdanken haben. Es verdeutlicht, dass wir Menschen letztlich von Grundlagen leben, die wir trotz allen Fortschritts nicht selber schaffen können.

In unserem Impuls zum Monat Oktober lesen Sie, dass auch die Möglichkeit, sich selbst versorgen zu können, ist alles andere als selbstverständlich ist, was das Erntedankfest mit dem Malteser Mahlzeitendienst zu tun hat, und was jeder Mensch daraus lernen kann.

Viele Gemeinden feiern am ersten Sonntag des Monats Oktober das Erntedankfest. Es gehört nicht verbindlich zum Kirchenjahr, bringt aber das ganz ursprüngliche Bedürfnis der Menschen zum Ausdruck, Dank zu sagen für die oftmals als selbstverständlich empfundenen Lebensgrundlagen.

Die Traditionen solcher Feste reichen weit in vorchristliche Zeiten zurück und wurden bei der Christianisierung Europas in der Zeit nach der Völkerwanderung allmählich umgedeutet und christlich aufgeladen. In früheren Zeiten waren Wetter und Naturgewalten wirklich unwägbare Faktoren und das Ergebnis der Ernte hatte massiven Einfluss auf das Wohlergehen einer Gesellschaft.

Zumindest in Europa hat sich die Versorgung mit Lebensmitteln weitgehend davon abgekoppelt. Allenfalls durch steigende oder sinkende Preise bekommen wir davon noch etwas mit. Und doch kann uns das Erntedankfest wieder ins Bewusstsein bringen, dass wir die Grundlagen unserer Existenz nicht allein der Arbeit von Menschenhänden und auch nicht bloß dem technischen Fortschritt in Landwirtschaft und Agrarindustrie zu verdanken haben.

Es gibt einen schönen Witz: Zwei Wissenschaftler treten vor Gott hin und erklären ihm: „Wir haben jetzt herausgefunden, wie man Menschen aus Lehm formt, du kannst also abtreten, wir brauchen dich nicht mehr.“

„Das will ich sehen“, sagt Gott.

Und einer der Wissenschaftlicher bückt sich zur Erde, um eine Handvoll Lehm aufzuheben, da mahnt ihn Gott: „Okay, aber ihr müsst dann bitte eure eigene Erde nehmen und nicht meine.“

Dieses Bonmot verdeutlicht, dass wir Menschen letztlich von Grundlagen leben, die wir trotz allen Fortschritts nicht selber schaffen können. Einen ganz ähnlichen Ausspruch gibt es übrigens auch zum staatlichen Leben, mit dem der frühere Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde berühmt geworden ist: „Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Auch dieser Ausspruch verweist auf eine Instanz, die allem menschlichen Wollen, Können und Tun vorgeschaltet ist und die wir Christen in Gott erkennen. Da das Erntedankfest 2010 mit dem Tag der Deutschen Einheit zusammenfällt, liegt es nahe, sich in einem größeren Zusammenhang daran zu erinnern.

Was aber einen Staat, ein Gemeinwesen zusammenhält, ist der faire Umgang mit den vorhandenen Ressourcen. Unsere Welt steht hier vor großen Herausforderungen: Vom Klimawandel bis zur Staatsverschuldung zeigt sich, wie achtlos wir damit umgehen. Aber auch jenseits der großen Politik stellt sich immer wieder die Frage, wie Menschen an den natürlichen Grundlagen teilhaben können. Die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, bildet eine zentrale Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Doch gerade im Alter stellen das Einkaufen und Zubereiten von Speisen für viele Menschen eine Hürde dar, die daran denken lässt, das eigene Zuhause vielleicht bald aufgeben zu müssen. Hier helfen die Malteser mit ihrem Mahlzeitendienst. Und dieser Dienst umfasst mehr als nur das sachgerechte Anliefern gesunder und hochwertiger Mahlzeiten. Er ist Gelegenheit für Begegnung und Gespräche, Menschen teilen Zeit miteinander. Auch das ist eine Form der Ernte, denn wo Begegnung geschieht, werden neue Erfahrungen fruchtbar.

Wir können das Erntedankfest daher auch zum Anlass nehmen, uns zu fragen, wo wir selber Zeit mit anderen teilen, uns Zeit nehmen, nicht nur für die Nahrungsaufnahme, sondern für die Menschen, mit denen wir täglich zu Tisch sitzen. Auch das ist alles andere als selbstverständlich.

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