Bettlerin von Ernst Barlach

Nicht der Hand, sondern dem Herzen schenken

Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner. Erleuchte du meine Augen, daß ich den Weg zu dir finde. Mache du meine Schritte fest, daß ich vom Weg nicht abirre. Öffne du meinen Mund, daß ich von dir spreche. Du willst , daß ich meine Mitmenschen liebe. Laß mich ihnen so dienen, daß sie ihr Heil finden und in deine Herrlichkeit gelangen. (Alkuin/Gotteslob)

Seit vielen Jahren begleitet mich ein Bild, daß eine Plastik von Ernst Barlach mit dem Titel Russische Bettlerin zeigt. Über die Zeit hinweg, ist es zu einem meiner Lieblingsbilder geworden. Es zeigt eine sitzende, in sich zusammengesunkene Frau, die ihre zur Schale geformte Hand den Vorübergehenden entgegen streckt. Der Kopf ist tief vorgebeugt, das Gesicht unter der Kapuze verborgen, so läßt sich nicht erkennen, wie alt die Frau sein mag. Ihre ganze Erscheinung ist nur eine hoffenden Gebärde. Sie ist in ihrer ganzen Existenz angewiesen darauf, daß die Vorübergehenden sie wahrnehmen und ihre entgegengestreckte Hand füllen, damit sie überleben kann. Die ganze Figur ist eine einzige Anklage und spiegelt eine zunehmende Realität auch mitten in unserer Gesellschaft wieder.

Beim Betrachten der Figur hat man den Eindruck, daß es nicht genügt, ein Geldstück in ihre Hand zu legen. Eine von Rainer Maria Rilke überlieferte Anekdote mag verdeutlichen worum es im wesentlichen geht. Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgeneinem Geber je aufzusehen, saß die Frau immer am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab zur Antwort:? Wir müssten ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.?

Da geschah etwas unerwartetes ...

Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah etwas Unerwartetes: die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Alte verschwunden. Nach acht Tagen saß sie plötzlich wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals. ? Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt ??, fragte die Französin.
Rilke antwortete: ? Von der Rose...?

Nicht die in die leere Hand gelegte Rose ist es, die in dieser Geschichte die Frau zur Reaktion bewegt, gleichsam Wirkung zeigt, sondern daß damit verbundene Zeichen - Ich habe dich in deiner Not nicht übersehen - Ich bin dir nahe. Die Rose, ein Zeichen, das beide verbindet, Geber und Empfängerin. Ein Zeichen, das zu Herzen geht.

"Du bist mir nicht gleichgültig."

Im alltäglichen Leben begegnen wir immer wieder Menschen, die uns ihre Hände entgegenstrecken und auf unsere Gabe warten. Ein freundliches Wort ? eine kleine Hilfeleistung ? eine Stunde Zeit für ein Gespräch können solche Zeichen der Anteilnahme sein, die dem Gegenüber zeigen, du bist mir nicht gleichgültig, ich bin dir nahe. Gerade in diesen kleinen Gesten des Alltags liegt der spezifische Dienst als Malteser nicht so sehr in den großen Hilfsaktionen und Einsätzen, so berechtigt und notwendig sie immer wieder sind. Aus solchen Begegnungen gehen wir immer auch selbst als Beschenkte hinaus in unseren Lebensalltag. Mir selbst ist diese Wechselwirkung bewußt geworden, bei der Jubiläumswallfahrt der Malteser nach Rom im Jahr 2003.

Viele warten auf uns , halten uns ihre leeren Hände entgegen und vertrauen darauf, daß wir sie wahrnehmen und ihren Herzen schenken. Bewahren wir uns feine Antennen für die oft leise und unaufdringlich vorgetragenen Bitte - Ich brauche Dich. Lassen wir uns bei unserem alltäglichen Dienst leiten von dem Wort Alkuins ?Du willst, daß ich meine Mitmenschen liebe, laß mich ihnen so dienen, daß sie ihr Heil finden....?

Josef Recker, Diakon

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