Krippe

"Wir haben seinen Stern aufgehen sehen." (Mt 2,2)

Weihnachtsgruß von Weihbischof Dr. Heiner Koch

„Ich sehe keinen Gott“, sagen viele Zeitgenossen. Die einen sehen überall nur menschliche Leistung und menschliche Macht in einer von Menschen beherrschten und oftmals manipulierten Welt: Wo ist da noch Platz für Gott? Die anderen sehen das Leid der Menschen und rufen empört, dass so viel Leid nicht nur gen Himmel, sondern auch gegen Himmel schreit. Wo ist da Gott, der solch ein Leid zulässt? „Ich sehe keinen Gott“. Die Botschaft der Weihnachtsnacht dagegen lautet: Gott ist sichtbar geworden. Der unendlich große und allmächtige Gott wurde ein erfahrbares, berührbares, sichtbares armseliges Kind im Stall von Bethlehem. Dieses Kind war wirklich die Offenbarung Gottes, in IHM wurde Gott offen und sichtbar erfahrbar. Kurze Zeit nach seiner Geburt brechen drei Weise auf, um diese Offenbarung Gottes, den neugeborenen König der Juden zu sehen. Dreimal taucht in dem kurzen Text über ihren Weg im Matthäusevangelium (Mt 2, 1-12) die Aussage auf, dass die Weisen Gott und seine Spuren in ihrem Leben sehen: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen“ (Mt 2,2); „Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt“ (Mt 2,10); „Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter“ (Mt 2,11).

Offensichtlich begegnen wir in den Drei Weisen aus dem Morgenland solchen sehenden Menschen, die mehr sahen, als die meisten ihrer Zeitgenossen, die mitten in ihrem Leben Gott wahr-nahmen und IHN in ihrer Welt entdeckten. Wie konnten die drei Weisen Gott in ihrem Leben sehen lernen? Und: wie können wir von ihnen lernen, die Gegenwart Gottes in unserem Leben wahrzunehmen?

„Wir sehen nur, was wir zu sehen erwarten.“
Einen ersten Hinweis gab mir ein Kunstexperte, der aus seiner Erfahrung feststellte: „Wir sehen nur, was wir zu sehen erwarten.“ Tatsächlich, wir Menschen nehmen vieles nur dann wahr, wenn wir mit ihm rechnen. Vieles übersehen wir, weil uns die Achtsamkeit und die Aufmerksamkeit dafür fehlen. So geht es mir beispielsweise immer wieder, wenn ich durch den Kölner Dom gehe. Wie oft schon bin ich schon durch diese Kathedrale gegangen und doch entdecke ich plötzlich etwas für mich Neues, etwa ein kunstvolles Detail im Mauerwerk, das ich bisher immer übersehen habe. Wir nehmen eben vieles erst wahr, wenn wir es sehr aufmerksam und geduldig in den Blick nehmen. Vielleicht übersehen deshalb viele Menschen Gott in ihrem Alltag, weil sie nicht auf ihn achtgeben. Es bedarf der inneren Offenheit, Gottes Spuren sehen zu wollen. „Keiner ist so blind wie der, der nicht sehen will“, sagt eine französische Redewendung. Keiner ist so blind wie der, der Gott nicht sehen will, lässt sich diese Redewendung erweitern.

Ein zweiter Hinweis:
Es scheint mir kein Zufall zu sein, dass eine Gruppe, eine Gemeinschaft,  gemeinsam den Stern wahrnahm. Manchmal sind wir allein für vieles blind, manchmal kann uns dann ein Mensch an unserer Seite aber helfen sehen zu lernen. Einer kann den anderen aufmerksam machen auf das, was er übersieht. Erst recht kann er dem anderen helfen, Gott in seinem Leben sehen zu lernen. Einer kann für den anderen eine Sehhilfe sein, bildlich gesprochen ein Optiker oder eine Brille sein, die dem anderen hilft, seinen Horizont zu erweitern und einen weiten Blickwinkel zu erlangen. Als Kind war ich ganz begeistert von dem Spiel, das diese tiefe Lebensweisheit in sich birgt: “Ich sehe was, was du nicht siehst“.

Ich wünsche allen, die der Malteserfamilie zugehören oder mit ihr verbunden sind, ein gesegnetes Weihnachtsfest, an dem Sie ein wenig mehr lernen, Gott in Ihrem Leben zu sehen, der an Weihnachten für uns und alle Zeiten sichtbar geworden ist. Ich wünsche Ihnen die offenen Augen des Glaubens für Gottes Gegenwart und die Freude der Drei Weisen aus dieser erfahrenden Nähe Gottes in ihrem Leben. Ich wünsche Ihnen eine Begegnung mit Menschen, die Ihnen helfen, Gottes Spuren zu entdecken. Ich wünsche Ihnen aber auch, dass Sie Ihrerseits Menschen beistehen können, die Spuren Gottes in ihrem Leben wahrzunehmen.

„Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn“
Am Beginn des Lebens Jesu ist von den Drei Weisen die Rede, die Gott in ihrem Leben sehen lernen. Am Ende des irdischen Lebensweges Jesu schrieb Lukas von den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn“ (Lk 24,31). Diese offenen Augen des Herzens und des Glaubens wünsche ich Ihnen nicht nur für das kommende Weihnachtsfest!

Weihbischof Dr. Heiner Koch

Weihbischof Dr. Heiner Koch
Name: Weihbischof Dr. Heiner Koch
Funktion: Stadtseelsorger der Malteser in Düsseldorf
Kontakt per E-Mail
Details zu dieser Person anzeigen
Konzept & Design: qpoint - Contentmanagement und Programmierung: BOOS:DV